Die aktuelle Predigt

Pfarrer Hans Veit

 

Liebe Gemeinde,

 

als Leonid Breschnew 1977 als Ministerpräsident der Sowjetunion sich anlässlich eines Staatsbesuchs in Deutschland aufhält, wundert er sich, dass an diesem Tag alle Geschäfte geschlossen sind. Ihm wird erklärt: „Heute ist Himmelfahrt“. Der russische Dolmetscher übersetzt: „Heute ist der Tag der Luftfahrt...“.

 

 

 

Nicht nur der russische Dolmetscher weiß mit diesem Tag nichts anzufangen. Viele deuten heute den Himmelfahrtstag um. In manchen Kalendern steht nur noch „Gesetzlicher Feiertag (Vatertag)“ – Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen geben Tipps, wie man diesen Tag als Wander-, Grill- und Maiausflug sinnvoll nutzt. Schließlich sollen nach dem „Muttertag“ auch die Männer ihren „Vatertag“ haben.

 

 

 

Weshalb deuten Menschen den einst so wichtigen kirchlichen Jubeltag in ein Frühlings-Vater-Tags-Fest um. Vielleicht, weil sie bewusst oder unbewusst denken: „Das alles ist eine schöne Mär. Es gibt keine Himmelfahrt Jesu – der ist nicht im Himmel, eher in der Erde zu suchen“. So wie in Berthold Brechts Schauspiel „Das Leben des Galilei“: Nüchtern lässt er den Mathematiker und Physiker Galileo Galilei unter dem Gelächter der anderen feststellen: „Der Himmel ist leer.“.

 

 

 

Die Gedankenlosigkeit um den heutigen Feiertag führt dann zu netten Missverständnissen. Das Enkelkind kommt zur Oma, überreicht ihr einen schönen Blumenstrauß mit der Bemerkung: „Ich wünsch dir eine schöne Himmelfahrt.“ Hoffentlich hat die Großmutter einen gesunden Humor oder ist eine gläubige Frau.

 

 

 

Fragen wir die Bibel nach dem Grund dieses Feiertages, finden wir als Antwort: Himmelfahrt ist das Ende der Ostererscheinungen. Nach seiner Auferstehung begegnet Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern für einige Tage in einer besonderen Weise. Dann entschwindet er ihren Blicken in den Himmel, um wenige Tage später ihnen wieder ganz nahe zu sein – in der Ausgießung seines Heiligen Geistes an Pfingsten. Himmelfahrt ist also nicht das Fest des Entschwindens in einen fernen Himmel jenseits des menschlich denkbaren Firmaments – Himmelfahrt ist das Fest der Gegenwart Gottes, der uns in seinem Sohn weiterhin nahe ist. Der Himmel ist nicht die Weite und Unendlichkeit des Weltalls – der Himmel ist der Raum der unsichtbaren Wirklichkeit Gottes, der Raum seiner Nähe und seiner Gegenwart.

 

 

 

Martin Luther deutete die Himmelfahrt Christi einmal sinngemäß so: »Denke nicht, Jesus Christus sei nun weit weg von uns! Im Gegenteil, als er auf Erden war, war er uns fern – jetzt ist er uns nahe!«

 

 

 

Unser Predigttext zum heutigen Himmelfahrtstag nimmt einen besonderen Aspekt dieses Feiertages auf. Er steht im Brief des Apostels Paulus an die Christen in Kolossä. Hören wir auf Kolosser 3, 1-4: „Seid ihr nun mit Christus auferstanden, so sucht, was droben ist, wo Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes.

 

Trachtet nach dem, was droben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist.

 

Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christus in Gott.

 

Wenn aber Christus, euer Leben, sich offenbaren wird, dann werdet ihr auch offenbar werden mit ihm in Herrlichkeit.“

 

 

 

Es geht zuerst um einen Blickwechsel. Sucht, was droben ist. Sucht den Himmel nicht auf dieser Erde. Den Himmel auf Erden haben uns schon viele versprochen, und viele versuchten, ihn zu schaffen. Eine tragische Geschichte mit leidvollen Erfahrungen und bitteren Enttäuschungen ist geblieben; und wo immer dieses Experiment unternommen wird, ob im politischen oder im privaten Bereich, ist es zum Scheitern verurteilt. Die Erde ist die Erde und der Himmel bleibt der Himmel. Diese Polarität lässt sich von uns nicht auflösen. Daher ermahnt der Verfasser des Kolosserbriefes: Lasst die trügerische Erwartung hinter euch, auf dieser Erde eine letzte Erfüllung, ungetrübtes Glück, dauerhaften Frieden in einem Reich der Freiheit finden zu wollen. Wer es dennoch erzwingen will, dessen Suche und Sehnsucht wird leicht in Sucht umschlagen, in einen unersättlichen Lebenshunger, und oft genug in Resignation und Depression enden.

Umgekehrt: Sucht was droben ist, ist keine Weltflucht, sondern die Weise eines Christen, die Welt um sich mit den Augen Christi zu sehen. Sucht, was droben ist, ist nicht der Weg in eine weltfremde Innerlichkeit, sondern ein deutliches Hineinstellen in diese Welt. Denn wenn wir unseren Bibeltext weiterlesen, folgen ganz konkrete Platzanweisungen: „So tötet nun das, was euch im irdischen Leben oft bestimmt: Unzucht, Unreinheit, Leidenschaft, Begierde und Habsucht. Legt ab Zorn, Grimm, Bosheit, Lästerung. Belügt einander nicht.“ Wer nach oben blickt, wird mit beiden Beinen in diese Welt hinein gestellt. Wer von oben denkt, wird hier unten anders leben.

 

 

 

Nein, Weltflucht kann man Paulus und seinem Brief gewiss nicht unterstellen. Vielmehr beschreibt er das Sein des Christen in dieser Welt. Das ist vielleicht das überraschende an diesem Bibelabschnitt, dass hier, wie es der Theologe Georg Eichholz schreibt, der „Christ als Christ“ definiert wird.

 

 

 

Was meint er damit? Als evangelische Christen müssten uns die Gefährdungen des Glaubens deutlich vor Augen stehen. Ein Kern der Reformation ist die Erkenntnis, dass wir unseren Glauben nicht auf uns selbst bauen können. Weder meine Entscheidung für Christus noch mein Glaubensvollzug, nicht irgendwelche praktischen oder geistlichen Werke sind das Fundament meiner Christusbeziehung. Wenn wir auf uns sehen, dann können wir nur mit dem Vater des kranken Kindes im Markusevangelium bekennen: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben.“ Und wahrscheinlich wird Christus unseren Lebens- und Glaubensvollzug ähnlich wie das Verhalten seiner Jünger bei der Sturmstillung so interpretieren: „Habt ihr immer noch keinen Glauben?“.

 

 

 

Paulus weist darauf hin, was unseren Glauben wirklich ausmacht: „Ihr seid mit Christus gestorben. Ihr seid mit ihm auferstanden und euer Leben ist verborgen mit Christus in Gott. „Sucht was droben ist“ heißt: Ich verstehe mein Christsein ganz und ausschließlich von Christus her. Seine Sterben und Auferstehen werden ganz zu meiner Geschichte. Als Christus starb, starb auch ich. Als Christus auferweckt wurde, wurde auch mir neu Leben geschenkt. Mein Leben ist hineinverlegt ins Christusgeschehen, ist engstens verbunden mit ihm.

 

 

 

Paulus definiert Christsein von der Auferstehung her. Nochmals: „Ihr seid mit Christus auferweckt und euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott.“ Einfach ausgedrückt: Das Geheimnis ist, dass Christus dich in seiner Auferstehung schon mitgenommen hat zu Gott, obwohl du mit beiden Füßen noch in dieser Welt stehst. Das Geheimnis ist: In Christus bist du schon beim Vater angekommen. Durch ihn bist du schon droben.

 

 

 

Sucht, was droben ist, ist damit die Aufforderung, meine wahre Identität ganz in Christus zu sehen. In ihm bin ich lebendig. In ihm habe ich heute schon ewiges Leben. In ihm ist meine Unvollkommenheit schon aufgehoben. In ihm bin ich schon heilig – ganz zu Gott gehörig. Sucht was droben ist, ist die Aufforderung, mich und mein Leben ganz mit den Augen Gottes zu sehen.

 

 

 

Deshalb ist Himmelfahrt der Tag des Staunens und Jubels. Was wir heute nur blind glauben können, ist in der Sicht Gottes schon Realität: Du bist dem vergänglichen Leben mit all seiner Schuld und seinen Verletzungen bereits entstorben. Dein wahres Leben ist verborgen in Christus. Sein Weg zum Vater ist auch dein Weg. Christi Himmelfahrt ist auch deine Himmelfahrt.

 

 

 

Dieses Erstaunen und dieser Jubel führt im Kolosserbrief wie gesagt nicht zur Weltflucht, sondern dazu, dass ich mit diesem Bewusstsein, mit dieser neuen Identität mein Leben gestalte. Was droben gilt, gilt nun auch unten. Christsein heißt nicht, als Weltverbesserer aufzutreten und den Himmel auf Erden zu schaffen. Christsein heißt, die Auferstehungskräfte Christi wirken zu lassen. Es heißt, die Welt mit himmlischen Augen zu sehen. Das, was in Christus noch verborgen ist, was erst in der Ewigkeit für alle sichtbar enthüllt wird, soll sich im Alltag dieser Welt schon zeichenhaft offenbaren. Ich zitiere nochmals aus dem Kolosserbrief, jenen Abschnitt, an den wir bei jeder kirchlichen Trauung erinnern: „So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit. Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar.“

 

 

 

Das Neue wird schon sichtbar. Wir tragen die Auferstehung schon in uns und mit uns. Alles, was wir mit Worten und Werken tun, das sollen wir dankbar im Namen dessen tun, der für uns gestorben und für uns auferstanden ist.

 

 

 

Wenn Paulus im selben Brief die Christen auffordert, das Wort Christi reichlich unter ihnen wohnen zu lassen, dann können wir das heute Morgen so verstehen. Macht euch dies immer wieder neu bewusst. Meditiert diese Aussage immer wieder. Buchstabiert sie in eurem Leben durch. Lasst dieses Erkenntnis in euch wachsen, die unser Predigttext so ausdrückt: „Seid ihr nun mit Christus auferstanden, so sucht, was droben ist, wo Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes.

 

Trachtet nach dem, was droben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist.

 

Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christus in Gott.

 

Wenn aber Christus, euer Leben, sich offenbaren wird, dann werdet ihr auch offenbar werden mit ihm in Herrlichkeit.“ Amen

 

 

 

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