Die aktuelle Predigt

Pfarrer Hans Veit

 

 

 

 

 

Hier finden Sie die aktuelle Predigt vom letzten Gottesdienst.

Aktuelle Predigt:

Predigt (Mk 3, 31-35)

Liebe Gemeinde,

»Familie und andere Katastrophen« – so lautete der Titel eines Kinofilmes, der noch vor Kurzem in den Kinos lief. Man konnte eine liebenswerte, aber chaotische Familie erleben.

 

»Familie und andere Katastrophen«, da können wir wahrscheinlich auch ein Lied davon singen. Jede und jeder von uns kennt Beispiele, wie verrückt es manchmal unter uns zugeht.

 

Familie kann wirklich ein heißes Thema sein – auch für euch Konfirmanden. Vielleicht denkt ihr ebenfalls ab und zu: „Meine Eltern sind in einem schwierigen Alter“. Oder ihr könntet eines eurer Geschwister am liebsten auf den Mond schicken.

 

Dabei gibt es Beides: Ich erlebe Familien, die zusammen halten, die sich regelmäßig auch im größeren Verband treffen, zusammen Urlaub machen oder regelmäßig etwas zusammen unternehmen. Es gibt viele schöne Beispiele.

 

Wieviel Familie auch Jugendlichen bedeutet, macht ihr Konfirmanden mir jedes Jahr neu klar. In einer Einheit im Konfis schauen wir unsere Beziehungen genauer an. Und wir bewerten sie – also welche Menschen uns sehr nahe stehen, welche Beziehungen für mich sehr wichtig sind. Und jedes Jahr nennen die meisten von euch – oft alle – die Eltern als wichtigste Bezugspersonen – noch weit vor den Freunden und Freundinnen und der Clique.

 

Aber es gibt auch das andere – wo Familie einfach nervt. Wo sie eine Katastrophe ist.

 

Ein Beispiel: Die Familie ist um den Esstisch versammelt. Der älteste Sohn kündigte an, er werde das Mädchen von gegenüber heiraten. »Aber ihre Familie hat ihr nicht einen Cent hinterlassen«, sagt der Vater missbilligend. »Und sie selbst hat nicht einen Cent gespart«, ergänzt die Mutter. »Sie versteht nichts vom Fußball«, sagt der jüngere Bruder. »Ich habe noch nie ein Mädchen mit solch komischer Frisur gesehen«, meint die Schwester. »Sie tut nichts als Romane lesen«, meckert der Onkel. »Und sie hat immer Markenklamotten an«, legt die Tante dazu. Und selbst die Großmutter findet noch was, was sie an dem Mädchen stört.

»Alles richtig«, sagt dann der Sohn nach kurzem Überlegen, »aber sie hat verglichen mit uns einen großen Vorteil.« – »Und der wäre?«, wollen alle wissen. »Sie hat keine Familie.«

 

Ja, so ist es: Die eigene Familie ist unersetzlich, unverzichtbar, unendlich wichtig, aber nicht immer einfach. Und bei manchen ist der Familienzusammenhalt zerbrochen – man redet nicht mehr miteinander. Es gibt Streit. Eine wirkliche Katastrophe.

 

Auch Jesus hat erfahren, dass Familienleben nicht nur einfach ist. Im heutigen Predigttext geht es um seine Familie – und die Probleme mit seiner Familie. Es ist interessant, dass dies uns so unverblümt und ehrlich in der Bibel überliefert wird. Und vielleicht denken wir denken zuerst: „Jesus, darf man so mit seinen eigenen Eltern und Geschwistern umgehen?“

 

Ich lese uns aus Markus 3 die Verse 31-35 aus der „Guten-Nachricht-Bibel“, aus der Übersetzung, die ihr nachher als Konfirmandenbibel erhaltet:

„Inzwischen waren die Mutter und die Brüder von Jesus angekommen. Sie standen vor dem Haus und schickten jemand, um ihn herauszurufen. Rings um Jesus saßen die Menschen dicht gedrängt. Sie gaben die Nachricht an ihn weiter: »Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und fragen nach dir!« Jesus antwortete: »Wer sind meine Mutter und meine Brüder?«

Er sah auf die Leute, die um ihn herumsaßen, und sagte: »Das hier sind meine Mutter und meine Brüder! Wer tut, was Gott will, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter!«

 

Ein provokativer Text: Nichts mit heiliger, idyllischer Familie. Der liebe „holde Knabe im lockigen Haar“, wie wir ihn an Weihnachten besingen, möchte von seiner Mutter nichts wissen. Wenige Verse vorher wird auch ein Grund genannt, warum Jesus so reagiert. Seine Familie möchte ihn zurückhalten. Für sie ist es peinlich, dass er so in aller Öffentlichkeit von Gott redet. Dass er sich als Sohn Gottes ausgibt. „Er ist von Sinnen“ sagen sie. Sie wollen ihn sozusagen aus dem Verkehr ziehen.

 

Und jetzt: Kommen sie wieder, um ihn abzuholen? Um ihm zu verbieten, als Rabbi durchs Land zu ziehen? Wollen Maria und die restlichen Familienmitglieder Jesus nun wieder mäßigen?

 

Wir sehen: Jesus wird von seiner eigenen Familie nicht verstanden – auch in seinem Weg nicht unterstützt. Aus seinem Mund kam an anderer Stelle die Botschaft: „Der Prophet gilt nichts in seinem eigenen Land.“ Dasselbe scheint auf die Familie zu passen.

 

Die harsche Antwort Jesus und die klare Absage an seine Mutter Maria und an seine Brüder wirft ein eigentümliches Licht auf diese Familie. Zuerst fällt mir auf – vom Vater Josef wird gar nicht geredet. Ob er anders dachte? Und deshalb nicht dabei war? Auch von Jesu Schwestern hören wir keine Reaktion – gut, die hatten vielleicht damals nicht so viel zu sagen.

 

Aber wir können festhalten: In der sogenannten Heiligen Familie ging es wie in jeder anderen Familie teilweise alles andere als heilig zu. Kein Wunder, dass die Menschen damals oft Jesus nicht verstehen konnten und ihn in seiner Berufung als Gottes Sohn ablehnten. Wenn schon die eigene Mutter, die ja von Gott auf diesen Weg vorbereitet wurde, ihren Sohn nicht verstehen kann, wie sollen es die, die ihn kaum kennen? Und ehrlich: Wer versteht als Mutter und Vater heute schon all die Wege und Entscheidungen, die unsere Kinder treffen und gehen? Ja, vielleicht ist es in der eigenen Familie sogar noch schwieriger, auf Verständnis zu treffen?

 

Ich weiß noch, wie es in meiner eigenen Familie war, als ich bewusst Christ wurde. Dass ich morgens eine halbe Stunde früher aufstand, um die Bibel zu lesen, dass ich am Samstag freiwillig um 6.00 Uhr zu einem Gebetsfrühstück in den CVJM ging oder, dass ich mich in meiner Freizeit fast nur in der christlichen Jugendarbeit engagierte – und dabei meine schulischen Pflichten manchmal weit hintenan stellte – rief damals Unverständnis und teilweise Widerspruch hervor. Und als ich mich auch noch entschied, Theologie zu studieren und dafür für drei Jahre in eine Bruderschaft ziehen wollte, war die Frage meines Vaters, ob ich nicht etwas Anständiges lernen wolle. Bestimmt habe ich mich als Jugendlicher damals nicht immer geschickt verhalten. In der pubertären Phase legt man sich mit seinen Eltern mal gern an. Man will ja zeigen, dass man auch wer ist. Und vielleicht auch ganz anders als die eigenen Eltern sein will. Für so einen Konflikt braucht es immer zwei Seiten. Und dennoch gilt, dass Christsein Widerspruch ernten kann, auch in der eigenen Familie. Es hat bei mir einige Jahre gebraucht, bis mein Vater meine Entscheidung akzeptierte und sie dann sogar gut fand.

 

Doch Jesus war ein erwachsener Mann. Er musste seinen Eltern und Geschwistern nichts mehr beweisen. Warum dann diese radikale Reaktion? Es geht hier bestimmt nicht um die Ablehnung des Familienlebens. Es geht Jesus um etwas anderes. Es geht um eine Platzanweisung. Mit seiner Reaktion bestimmt er, wo letztlich sein Platz ist: nicht bei seiner Familie, mit der er „naturgemäß“ verbunden ist, sondern da, wo Gottes Wille getan wird.

 

Das erste Gebot hat für ihn unbedingten Vorrang: Gott allein gilt es zu ehren. Auf ihn zu hören. Dieses Gebot steht über alle anderen Geboten – auch über dem Gebot, Vater und Mutter zu ehren. Es geht Jesus um das eine: den Willen Gottes zu tun. Jedes seiner Gleichnisse, jede Seligpreisung, die ganze Passionsgeschichte und das ganze Evangelium stehen dafür.

 

Und gleichzeitig weist Jesus darauf hin, dass es für ihn neben der leiblichen Familie noch eine andere Gemeinschaft gibt, die letzten Endes noch wichtiger ist: Die Gemeinschaft im Reich Gottes, die Gemeinschaft der Brüder und Schwestern. Es geht dabei nicht um eine Abwertung der Familie, sondern um eine Einordnung in ein größeres Ganzes. Nicht zuletzt das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, das diesem Sonntag den Namen gibt, zeigt uns, dass im Horizont des Reiches Gottes sich Maßstäbe ändern. Wer ist mein Nächster? Wer sind meine Schwestern und Brüder? Es sind die, die Gott mit mir verbindet.

 

Wenn wir die Bibel quer lesen, dann fallen eine Reihe von Worten Jesu auf, die ebenso radikal und zunächst befremdlich klingen. Unser Predigttext ist nur eine Aussage Jesu unter vielen. Wenige Kapitel weiter betont Petrus: „Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt.“ Die Antwort Jesu lautet: „Wahrlich, ich sage euch: Es ist niemand, der Haus oder Brüder oder Schwestern oder Mutter oder Vater oder Kinder oder Äcker verlässt um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der nicht hundertfach empfange: jetzt in dieser Zeit Häuser und Brüder und Schwestern und Mütter und Kinder und Äcker mitten unter Verfolgungen - und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.“

 

Und in Lukas 9 lesen wir unter der Überschrift: „Vom Ernst der Nachfolge“ von folgender Begegnung: „Und Jesus sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Aber Jesus sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!“

 

Alles deutet darauf hin, dass es Jesus wirklich nur um das eine geht: Das erste Gebot steht über allem anderen. Gott lieben – und dann natürlich auch den Nächsten lieben wie sich selbst. Wer das konsequent lebt, wird Widerspruch erleben – manchmal sogar in der eigenen Familie.

 

Zum Schuss noch ein Gedanke: Auch Maria gewinnt am Ende von Jesu Einstellung. Als er am Kreuz hing und sie sein Leiden aushalten musste, hören wir aus seinem Munde etwas sehr Versöhnliches. Ich zitiere aus dem Johannesevangelium: „Jesus sah seine Mutter dort stehen. Neben ihr stand der Jünger, den er besonders liebte. Da sagte Jesus zu seiner Mutter: »Frau, sieh doch! Er ist jetzt dein Sohn.« Dann sagte er zu dem Jünger: »Sieh doch! Sie ist jetzt deine Mutter.« Von dieser Stunde an nahm der Jünger sie bei sich auf.“

 

Nun gehört Maria auch zu der großen Familie Jesu und versteht vielleicht erst jetzt, was er damals gemeint hat.

 

Also: Zwei Gedanken können wir heute mitnehmen: Das Wichtigste im Leben eines Christen ist das Gebot, Gott und den Nächsten zu lieben. Dem soll alles andere zugeordnet werden. Und genauso wichtig ist, dass Menschen, die an Gott glauben, zu seiner großen Familie gehören – unabhängig von ihrer Konfession, ihrem Stand in der Gesellschaft, ihrer Nationalität und ihrer Rasse. Was sonst in unserer Gesellschaft Menschen trennt, hat in Jesu Reich keinen Platz. Amen

 

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