Die aktuelle Predigt

Pfarrer Hans Veit

 

 

 

 

 

Hier finden Sie die aktuelle Predigt vom letzten Gottesdienst.

Aktuelle Predigt:

Liebe Gemeinde,

als ich den Predigttext für den heutigen Sonntag las, kam mir sofort der Gedanke: Das ist ja hoch aktuell. Das könnte der Prophet Jeremia auch heute verkündigen. Ich lese uns den Predigttext:

 

Dies ist das Wort, das der HERR zu Jeremia sagte über die große Dürre:

„Die Großen schicken ihre Diener nach Wasser; aber wenn sie zum Brunnen kommen, finden sie kein Wasser und bringen ihre Gefäße leer zurück. Sie sind traurig und betrübt und verhüllen ihre Häupter. Die Erde ist rissig, weil es nicht regnet auf das Land. Darum sind die Ackerleute traurig und verhüllen ihre Häupter.“

 

Das kennen wir doch: Die Trockenheit macht unseren Landwirten zu schaffen. Der Grundwasserspiegel sinkt immer mehr. Wasserknappheit wird auch bei uns ein Thema. Doch angesichts der Probleme in anderen Kontinenten, geht es uns noch richtig gut. Dürre zerstört ganze Landstriche. Menschen müssen fliehen, weil es nicht genügend Trinkwasser gibt. Andere dürsten, weil ihr Wasser vergiftet ist. Und in Australien brennen die Wälder aufgrund der großen Dürre und Hitze. Und seit gestern kommt noch die Katastrophe, dass andere Teile des Landes unter Wasser liegen. Der Klimawandel macht sich auf der ganzen Welt bemerkbar.

 

Wissenschaftler sagen voraus, dass die größte Katastrophe noch auf uns zukommt. Die nächsten Kriege und Flüchtlingswellen werden durch den Kampf um das wenige Wasser ausgelöst werden.

 

Doch der Predigttext geht weiter. Er analysiert nicht nur, sondern fragt auch nach den Gründen. Die Menschen damals sahen die Ursache für die Katastrophe bei sich. Ich lese weiter:

„Ach, HERR, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Denn unser Ungehorsam ist groß, womit wir wider dich gesündigt haben. Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer. Warum stellst du dich, als wärst du ein Fremdling im Lande und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt? Warum bist du wie einer, der verzagt ist, und wie ein Held, der nicht helfen kann? Du bist ja doch unter uns, HERR, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht!“

 

An diesen Versen blieb ich dann hängen. „…ach Herr, wenn uns unsere Sünden verklagen…“ -  tun sie das? Verklagen uns unsere Sünden?

 

Wenn wir ehrlich sind, müssen wir sagen: Eher nicht. Irgendwo machen wir uns vielleicht schon Vorwürfe, dass auch wir mit unserem Handeln oder Nichthandeln zum Klimawandel und zu den weltweiten Katastrophen beitragen. Aber dass unsere Sünden uns anklagen? Eher klagen wir andere an – Politiker, Presse, Pädagogen. Oder wir klagen allgemein - über viel Verkehr, hohe Mieten und niedere Zinsen.

 

Durch einen Artikel, den ich diese Woche las, kam ich über diese Frage ins Nachdenken. Die Älteren unter uns haben etwas erlebt, was eigentlich einmalig für unser Land war. Vor gut 70 Jahren lag Deutschland in Trümmern. Stuttgart, Pforzheim und andere Städte waren zerbombt. Überall Trümmer, aufgesprengte Straßen, eingestürzte Mauern – und nicht nur Wände waren gefallen, sondern Männer, Söhne, Väter. Viele waren noch vermisst. Die Not war groß. Auch Hoffnung lag in Trümmern, die siegversprechende Ideologie am Boden.

 

Da kommt im Oktober 1945 zum zweiten Mal der neu gebildete Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland zusammen. Landesbischof Wurm hatte nach Stuttgart eingeladen. Er tagte im halb eingestürzten Haus der Württembergischen Bibelanstalt.

 

Auch überraschend ranghohe Vertreter der Ökumene kamen dazu – darunter der Niederländer Visser t’Hooft und aus England Bischof Bell. Am Abend des 17. Oktober 1945 predigten in der Markuskirche zuerst Landesbischof Theophil Wurm und nach ihm Pfarrer Martin Niemöller. Beide hatten die Hitlerzeit erlebt. Beide hatten sich im Lauf der Jahre gegen die Nazi-Ideologie gewehrt. Niemöller kam wegen seines Widerstands ins KZ Sachsenhausen. Er predigte an diesem Abend spontan über unser Bibelwort „Ach, HERR, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Denn unser Ungehorsam ist groß, womit wir gegen dich gesündigt haben. Du bist ja doch unter uns, HERR, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht!“

 

Und da geschah es am 18. Oktober: Die Versammelten baten um Vergebung. Zuerst in persönlichen Worten. Dann, einen Tag später am 19. Oktober, in der Erklärung, die als Stuttgarter Schulderklärung weltberühmt wurde. In ihr heißt es: „Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. ... Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben“.

 

Die Wirkung dieser Sätze war gewaltig. Im Ausland wurde die Erklärung hoch geachtet. Sie öffnete neue Beziehungen. Im Inland aber, auch in manchen Kirchen, gab es heftige Proteste. Können wir von einer „Solidarität der Schuld“ reden?, fragten viele. Sind alle schuld, auch solche, die Hitler nicht gewählt haben? Waren es nicht einfach die anderen? Oder irgendwie doch alle? So die Fragen damals.

 

Ich finde es eine sehr spannende Frage: Werden wir und unsere Kinder in ein paar Jahrzehnten auf unsere Zeit blicken und in einem Schuldbekenntnis fragen: Warum sind so viele Menschen verhungert, während andere ihr Essen wegwarfen? Warum durften Kinder nicht leben, nur weil sie nicht in die Karriere- oder Finanzplanung passten? Warum haben wir Reichen auf Kosten der Armen gelebt, haben Wert gelegt auf billige Kleidung aus China und günstiges Öl aus Nahost? Warum haben wir mit dazu beigetragen, dass der Klimawandel so viel zerstört? Warum haben wir, gefangen im eigenen Wohlstand, uns nicht brennender eingesetzt für solche, die wegen ihres Glaubens gefangen saßen? Und warum haben wir uns gegen den Populismus und die menschenverachtende Äußerungen und Taten unserer Tage nicht richtig gewehrt?

 

Wird es so eine Schulderklärung 2030 geben? Oder darf man so nicht fragen? Sind wir alle irgendwie schuld? Oder sind es nicht die anderen? Manche werden auch fragen: Ist das nicht nur ein Trick der Kirche, ein schlechtes Gewissen zu verbreiten, um Aufmerksamkeit zu bekommen? Sich wichtig zu machen?

 

„Ach Herr“, so ruft der Prophet, „wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen.“ - und damit bittet er: „Hilf uns, uns selber ehrlich zu sehen – und zwar als Menschen, die irregingen, die sich verlaufen haben. Als Menschen, die schuldig wurden.“

 

Jeremias Kritik am Volk Israel könnte er auch heute anbringen: Die Leute hören Gottes Wort gern als seelische Streicheleinheiten, aber sie richteten sich nicht danach. Sie feierten Gottesdienste als religiöse Wellness am Feiertag, aber fragten am Werktag nicht danach, wie sie Gott dienen. Sie vertrauten lieber ihrer politischen Stärke und der stabilen Wirtschaft, als auf Gott.

 

Erst als einmal der Regen lange Zeit ausfiel und die Felder trocken blieben, merkten sie: Wir haben nicht alles selbst in der Hand. Wir sind nicht die letzten Herren dieser Welt. Wir werden schuldig vor Gott und voreinander, wenn wir uns nicht mehr von unserem Schöpfer leiten lassen. Darum betete Jeremia: „Du bist doch unter uns, verlass uns nicht.“

 

Die Stuttgarter Schulderklärung bekennt: dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.

 

Mutiger bekennen und fröhlicher glauben – wo sind wir heute gefragt? Zwei Beispiele möchte ich nennen:

 

Damals zogen viele Flüchtlinge nach Stuttgart. Die Schlesier, Ostpreußen und andere suchten hier neue Heimat. Heute fliehen wieder viele hierher. Sie kommen aus anderen Kulturkreisen. Wie gehen wir mit ihnen um? Es ist erfreulich, wie viel Hilfe zur Zeit durch Haupt- und Ehrenamtliche in den Unterkünften geschieht. Die großen Herausforderungen stehen uns aber wohl erst noch bevor. Politiker brauchen unser Mittragen und Mitbeten. Und die Frage nach dem mutigen Bekennen darf uns nicht loslassen: Wie erleben die Flüchtenden uns? Erfahren sie uns als Christen – und durch uns etwas von Christus?

 

Es ist nicht selten, dass muslimische Flüchtlinge bitten: „Erklär mir doch mal euren Glauben“. Schätzen wir nicht zu gering ein, was wir als christliche Kirche prägen können an Stimmung und empfangender, gastfreundlicher Kultur in unserem Land. Hier sind wir gefragt. Sicherlich gibt es viele Ängste und begründete Sorgen. Aber zum mutiger Bekennen und brennender Lieben gehört es, dass wir uns nicht zuerst von der Angst bestimmen lassen, sondern von der Aufgabe, in die Gott uns stellt.

 

Und ein anderes Beispiel: Vor gut 70 Jahren bekannten Christen, dass sie nicht fröhlicher geglaubt haben. Stellen wir uns nochmal vor den Spiegel ihrer Schulderklärung. Glauben wir heute fröhlich? Ist das der Grundton unserer Kirche, unserer Gemeinden, meines Christsein? Oder blockieren wir uns die Freude selbst durch die dauernde Sorge, ob die Kirchensteuer reicht? Blicken wir voll Angst nur darauf, was alles weniger wird? Was leitet uns?

 

Wir haben allen Grund, fröhlich zu glauben. Der Grund heißt Jesus Christus. Wir sind nach seinem Namen genannt.

 

So ich wünsche uns als Christen in Knittlingen, dass der Bibelabschnitt von heute uns neu wachrüttelt, bewusster zu leben. Und genauso wichtig: dass wir mutiger bekennen, brennender lieben, treuer beten und fröhlicher und gelassen unseren Glauben so leben, dass auch andere sich anstecken lassen.

Amen

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