Die aktuelle Predigt

Pfarrer Hans Veit

 

 

 

 

 

Hier finden Sie die aktuelle Predigt vom letzten Gottesdienst.

Aktuelle Predigt:

Liebe Gemeinde,

fast könnte man meinen, die heutige Predigt ist die Gegenrede zur Predigt vom letzten Sonntag. Da ging es um den Namen Gottes und um das große Versprechen, das in seinem Namen verborgen ist: „Ich bin bei dir.“ Diese Predigt würde auch gut heute zur Taufe passen – denn bei der Taufe spricht Gott es Solea ja persönlich zu: „Ich bin bei dir – auf immer und ewig.“

 

Heute hören wir nun von einem Mann, den Gott eigentlich als ein Vorbild des Glaubens darstellt, der aber an der Grenze seines Glaubens und seiner Hoffnung angekommen ist. Der sich mit dem Vertrauen schwer tut, dass Gott bei ihm ist. Wir hören Worte aus dem Mund Hiobs, die fast schon fast depressiv klingen: „Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht.“

Und weiter: „Denn ein Baum hat Hoffnung, auch wenn er abgehauen ist; er kann wieder ausschlagen, und seine Schösslinge bleiben nicht aus. Ob seine Wurzel in der Erde alt wird und sein Stumpf im Boden erstirbt, so grünt er doch wieder vom Geruch des Wassers und treibt Zweige wie eine junge Pflanze. Stirbt aber ein Mann, so ist er dahin; kommt ein Mensch um – wo ist er? Wie Wasser ausläuft aus dem See, und wie ein Strom versiegt und vertrocknet, so ist ein Mensch, wenn er sich niederlegt, er wird nicht wieder aufstehen; er wird nicht aufwachen, solange der Himmel bleibt, noch von seinem Schlaf erweckt werden.“ Und dann seufzt Hiob: „Ach dass du mich im Totenreich verwahren und verbergen wolltest, bis dein Zorn sich legt, und mir ein Ziel setzen und dann an mich denken wolltest!“ So hoffnungslos ist Hiob, dass er sich den Tod wünscht. Er will nur noch seine Ruhe – auch von Gott.

 

Ja, ein Mensch ohne Hoffnung ist wie tot. Ein bekannter Theologe, Emil Brunner,  hat das so ausgedrückt: »Was der Sauerstoff für die Lunge (ist), das bedeutet die Hoffnung für die menschliche Existenz. Nimm den Sauerstoff weg, so tritt der Tod durch Ersticken ein. Nimm die Hoffnung weg, so kommt die Atemnot über den Menschen, die Verzweiflung heißt, die Lähmung der seelisch – geistigen Spannkraft durch ein Gefühl der Nichtigkeit, der Sinnlosigkeit des Lebens. Der Vorrat an Sauerstoff entscheidet über das Schicksal der Organismen, der Vorrat an Hoffnung entscheidet über das Schicksal der Menschheit.«

 

Auf Hiob scheint das zu passen. Das Gefühl der Nichtigkeit, der Sinnlosigkeit des Lebens springt uns aus den Worten Hiobs entgegen. Hier redet ein Mensch in tiefster Verzweiflung. Alles erscheint hoffnungslos.

 

Ich erinnere uns an die Geschichte Hiobs: Der fromme Hiob hat alles verloren. Sein Hab und Gut, seine Kinder. Seine Frau hat sich von ihm abgewandt. Er selber ist am ganzen Körper mit Geschwüren bedeckt und bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Ausgestoßen aus der menschlichen Gemeinschaft sitzt er im Staub auf der Müllkippe vor der Stadt.

 

Nun, Hiob ist nicht von Gott und aller Welt verlassen. Drei Freunde kümmern sich rührend um ihn, aber mit deren frommen Belehrungen kann er nichts anfangen. Er wehrt sich gegen diese Art von Ratschlägen. Ja, manchmal sind Ratschläge auch Schläge. Aber Hiob macht eines: Er schreit seine Not vor Gott heraus. Er klagt ihn an und macht ihn verantwortlich für sein Schicksal.

 

Wir lernen bei Hiob als erstes: So reagieren Menschen, die Gott kennen, in der tiefsten Tiefe des Leidens und des Leids. Martin Luther hat davon gesprochen, dass Gott uns in solchen Situationen als dunkler und verborgener Gott erscheint. Wir können sein Handeln an uns nicht begreifen.

 

„Mich ekelt mein Leben an“, sagt Hiob, »ich will meiner Klage freien Lauf lassen und reden in der Betrübnis meiner Seele.«

 

Hiob frisst seine Not und Verzweiflung nicht in sich hinein, er klagt und schreit sie hinaus. Er leitet uns an, in dieser Weise mit den dunklen und schweren Erfahrungen unseres Lebens umzugehen.

 

Schauen wir nochmals genau auf unsern Bibelabschnitt. Er ist ein Teil dieser Klage, mit der Hiob auf die frommen Ratschläge seines Freundes Zofar antwortet.

 

Zuerst blickt Hiob auf das Schicksal des Menschen überhaupt. Hiob hat Anteil an diesem Schicksal: Kurz ist das Leben der Menschen und voller Unruhe. Die Bilder von der Blume und vom Schatten stehen für die Vergänglichkeit des Menschenlebens. »Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde, wenn der Wind darüber weht, so ist sie nimmer da“. Das ist in Israel immer wieder zu sehen. Wenn es geregnet hat, blühen die Blumen wunderschön auf, aber die Hitze des Tages und der heiße Wind aus der Wüste lassen sie schnell verwelken und verdorren.

 

Hiob stellt sich der Frage nach der Vergänglichkeit. Da ist gut so. Wer mit dem Tod nicht umgeht, der wird auch nicht richtig leben. Wer seine Vergänglichkeit verdrängt, verdrängt auch das Leben. Es gäbe viele Beispiele dieser Verdrängung in unserer Zeit. Nur ein kleines Beispiel: In einem Altenheim wollten die Angehörigen nicht, dass der Sarg mit einem Verstorbenen zum Haupteingang hinausgetragen wurde. Das würde die Bewohner zu sehr an ihren eigenen Tod erinnern.

 

Nun, Hiob stellt sich dieser Realität. Er weiß: Anfang und Ende unseres Lebens sind von Gott bestimmt. Und Hiob stellt sich auch einem anderen Tabu-Thema. »Vor dir ist kein Lebendiger gerecht«, stellt er fest und wirft dann Gott vor: »Wenn das so ist, warum hast du dann ein Auge drauf? Warum ziehst du mich dann vor dir ins Gericht?« Sein Leiden und sein Schicksal sind für ihn Ausdruck des Gerichts. Er kann es sich gar nicht anders vorstellen, als dass Krankheit, Schicksalsschläge und Elend eine Strafe Gottes sind. Er braucht lang – bis ganz ans Ende des Hiobsbuches, bis er versteht, dass das so nicht stimmt. Auch der Gerechte wird leiden. Auch den Gerechten treffen schlimme Schläge. Aber noch fühlt sich Hiob wie einer, der von einer Überwachungskamera beobachtet wird, die alle Verfehlungen festhält. Gott erscheint wie ein großer Aufpasser, der einem auf die Finger klopft, wenn man nicht brav ist.

 

All diese Fragen und Gedanken wären gute Gründe, Gott und den Glauben zu vergessen. Doch Hiob verabschiedet Gott nicht. Er fordert aber Gott auf, wegzuschauen und ihn in Ruhe zu lassen. »Behellige mich nicht länger!« Wenn Gott wegschauen würde, dann könnte es Hiob vielleicht ein wenig besser gehen.

 

Und Hiob setzt noch eins drauf mit einem irrealen Wunsch: Gott soll ihn für eine Zeit im Totenreich verwahren und vor seinem Blick verbergen, solange, bis Gottes Zorn sich gelegt hat. Dabei müsste Hiob doch das bekannte Psalmwort kennen:  »Bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.«

 

Das sollten wir festhalten: Menschen, die an Gott glauben, können über die Wege und Schicksale, die Gott zulässt ins Straucheln und Zweifeln kommen. Ein Glaube ohne Zweifel ist kein Glaube – ich nehme die Jahreslosung für 2020 hier schon mal vorweg: „Ich glaube, hilf meinen Unglauben.“ Ja Gott kann einem manchmal wie ein Gegner vorkommen, einer, der mich ins offene Messer laufen lässt. In dieser Gottesfinsternis scheint es nur einen Ausweg zu geben: Gott sein Elend vor die Füße werfen. Seine Enttäuschung über Gott herausschreien. Ihn klagen.

 

Denn dann kann etwas geschehen, was nicht nur Hiob, sondern viele andere schon erfahren haben. Klage kann sich in Hoffnung wandeln.

 

Bei Hiob beginnt dies mit einer vorsichtigen Annäherung: »Wenn du dann an mich denken wolltest« – sagt er. „Gedenken“ steht in der Bibel für die Aufnahme einer persönlichen Beziehung, für Gottes Zuwendung. Gedenken steht für Gottes Segen und das Heil, das er schenkt. »Der Herr denkt an uns und segnet uns«.

 

»Wenn du dann an mich denken wolltest«. Wenn das geschehen würde, dann würden alle Mühe und die schweren Wege sich lohnen. Dann käme die Beziehung zwischen Gott und den Menschen in Ordnung. Dann würde Gott Hiob ansprechen und er ihm antworten. Dann würde Gott in fürsorglicher Weise auf Hiob achtgeben. So malt es sich Hiob aus.

 

Wie schon erwähnt: Es war bei Hiob ein langer Weg von der Enttäuschung zur Hoffnungslosigkeit, von der Hoffnungslosigkeit zum vorsichtigen Fragen, vom Fragen zur Hoffnung, von der Hoffnung zu einer neuen Gotteserfahrung. Es ist ein langer Weg bis ein Mensch das sagen kann, was Hiob am Ende für sich feststellt: „Der Herr hats gegeben, der Herr hats genommen, der Name des Herrn sei gelobt.“ Klage wandelt sich bei ihm, wie auch in vielen Psalmen, in Lob.

 

Dass der Tod kein Fluchtpunkt ist, dass er auch nicht das Ende ist und dass der Mensch eine berechtigte Hoffnung hat, dass aus dem toten Lebensbaum neues Leben erwächst, das wissen wir mit Gewissheit erst seit Ostern. Jesus Christus hat dem Tod die Macht genommen und damit unser Leben und unser Sterben, damit auch unsere Vergänglichkeit in ein neues Licht gestellt. In ein ewiges Licht. Hiob konnte davon nur träumen. Christen bauen darauf ihren Glauben, ihre Hoffnung und ihre Gewissheit. „Der Vorrat an Hoffnung entscheidet über das Schicksal der Menschheit.“ Das hörten wir am Anfang. Jesus Christus ist unsere Hoffnung und die lässt uns leben. Amen

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